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Nachhaltige Beschaffung zwischen Spannungsfeldern und Synergien

Rückblick auf die Tagung nachhaltige öffentliche Beschaffung vom 8. September 2026 in Biel  

Am 8. September 2026 fand im Kongresszentrum Biel die Tagung nachhaltige öffentliche Beschaffung statt. Unter dem Titel «Spannungsfelder verstehen und Synergien effizient nutzen» brachte die Tagung Fachpersonen aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis zusammen.  

Pierre Broye, Direktor des Bundesamts für Bauten und Logistik sowie Vorsitzender von BKB und KBOB, gab in seiner Eröffnungsrede den roten Faden für den Tag vor: Nachhaltige Beschaffung bedeutet nicht, möglichst viele Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Entscheidend ist vielmehr, frühzeitig zu erkennen, welche Aspekte für den konkreten Beschaffungsgegenstand relevant sind, wo die grössten Hebel liegen und welche Anforderungen verhältnismässig sind. Dafür braucht es Bestellerkompetenz – also Fachwissen, gute Prozesse, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen. 

Vormittag: Impulse zu sozialen, ökologischen und strategischen Fragen 

Den ersten inhaltlichen Impuls setzte Stefan Zryd mit SHIFT, einem gemeinnützigen Angebot der Stadt Rapperswil-Jona. SHIFT verbindet soziale Integration, Tagesstruktur und Beschäftigung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen mit konkreten Leistungen für die Stadt, etwa in der Feinreinigung, bei Neophytenarbeiten oder im Littering-Team. So entstehen aus einer Beschaffung mehrere Wirkungen: soziale Teilhabe, sauberere öffentliche Räume, weniger Abhängigkeit und ein sinnvoller Einsatz öffentlicher Mittel. 

Christoph Abegg zeigte am Beispiel des Tiefbauamts des Kantons Zürich, wie Umweltwirkungen systematisch erfasst und in Beschaffungsentscheide übersetzt werden können. Eine zentrale Erkenntnis lautet: Nicht jede Massnahme erzielt dieselbe Wirkung. Im Kanton Zürich bringen wenige, gezielt ausgewählte Massnahmen den grössten Umweltnutzen – darunter Recyclingasphalt, die Wiederverwendung ungebundener Fundationen, lärmoptimierte Beläge, alternative Antriebe und CO₂-reduzierter Beton. 

In einem Pilotprojekt zum vierspurigen Ausbau im Hardwald Bülach wurde die Umweltbelastung mit einer Bewertungsmatrix in die Vergabe einbezogen. Das preislich zweitplatzierte Angebot erhielt aufgrund der besseren Ökobilanz den Zuschlag. Gleichzeitig zeigte das Projekt, dass wirkungsorientierte Nachhaltigkeitskriterien ein sorgfältiges Controlling erfordern. Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung: Die grössten Nachhaltigkeitspotenziale liegen häufig bereits in der Planung und bei Variantenentscheiden – nicht erst in der späteren Ausschreibung. 

Rahel Galliker, Vizedirektorin des Bundesamts für Umwelt, ordnete die Bedeutung der öffentlichen Beschaffung in einen grösseren Kontext ein. Mit einem jährlichen Volumen von rund 41 Milliarden Franken verfügt die öffentliche Hand über eine erhebliche Marktmacht. Entsprechend gross ist das Potenzial, mit geeigneten Anforderungen Innovationen, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Praxisbeispiele zum Wiedereinsatz von Photovoltaikmodulen und zur Wiederaufbereitung von Wandtafeln zeigten, dass Wiederverwendung nicht nur Umweltbelastungen, sondern teilweise auch Kosten reduzieren kann.  

Die zentrale Herausforderung besteht darin, Zielkonflikte bewusst zu steuern. Nachhaltigkeit, Qualität, Kosten, Termine und Versorgungssicherheit lassen sich nicht immer gleichzeitig maximieren. Umso wichtiger sind eine ganzheitliche Lebenszyklusbetrachtung, klare Prioritäten und der Mut, neue Lösungen auszuprobieren. 

Kurzpräsentationen: Baukultur, Digitaler Produktpass, Gewerbe und Elektrifizierung 

Im Anschluss wurden in Kurzpräsentationen weitere Querschnittsthemen aufgegriffen. Oliver Martin von der interdepartementale Arbeitsgruppe Baukultur zeigte, wie Baukultur als Qualitätsdimension in der öffentlichen Beschaffung verankert werden kann. 

Jonas Batt und Dominik Halbeisen von GS1 Switzerland stellten den digitalen Produktpass vor. Dieser soll künftig standardisierte Informationen zu Materialien, Herstellung, Nutzung, Reparatur und Recycling bereitstellen. Damit könnten Produkteigenschaften über den gesamten Lebenszyklus besser verglichen und kreislauffähige Lösungen gezielter beschafft werden. 

Mikael Huber vom Schweizerischen Gewerbeverband betonte aus Sicht der KMU die Bedeutung von praxistauglichen, verhältnismässigen Anforderungen. Zusätzliche Nachhaltigkeitsanforderungen dürfen den administrativen Aufwand nicht übermässig erhöhen und sollten sich auf das gesetzlich Vorgesehene stützen. 

Ein Beitrag der Hochschule Luzern und von ecoforce, vorgetragen durch Marco Meier, widmete sich der Elektrifizierung städtischer Baustellen. Elektrische Baumaschinen können die Treibhausgasemissionen und den Energieverbrauch deutlich reduzieren. Der Markthochlauf ist jedoch mit Unsicherheiten verbunden: Bauherrschaften befürchten, dass keine geeigneten Angebote eingehen, während Bauunternehmen Investitionen aufgrund technischer und wirtschaftlicher Risiken zurückhaltend beurteilen. Markt- und technologieoffene Zuschlagskriterien, klare Ausschreibungsunterlagen, Pilotprojekte und eine schrittweise Skalierung können helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. 

Nachmittag: Fünf Foren zu Instrumenten, Kriterien und Praxis 

Die Nachmittagsforen vertieften die Themen anhand konkreter Instrumente und Praxisbeispiele. 

Forum 1: Relevanz erkennen – Wirkung erzielen

Das Bundesamt für Umwelt stellte die überarbeitete Relevanzmatrix vor. Sie hilft, die wichtigsten ökologischen, sozialen und kreislaufwirtschaftlichen Aspekte entlang des Lebenszyklus eines Produkts oder einer Dienstleistung zu identifizieren. Ergänzend wurden Instrumente zur Berechnung von Treibhausgasemissionen und Umweltwirkungen sowie der Corporate Footprint Calculator vorgestellt.  

Forum 2: Harmonisierung sozialer Kriterien in der öffentlichen Beschaffung

Im Forum zu sozialen Kriterien wurde deutlich, dass soziale Anforderungen rechtssicher und risikobasiert formuliert werden müssen. Die Rechtsprechung bestätigt, dass sich die Prüfung bei besonders relevanten oder risikobehafteten Teilleistungen nicht zwingend auf Selbstdeklarationen beschränken muss. Im Textilbereich zeigte Sustainable Textiles Switzerland, wie harmonisierte Kriterienkataloge, abgestufte Ambitionsniveaus und einheitliche Nachweise den Aufwand für Beschaffungsstellen und Unternehmen reduzieren können. 

Forum 3: Aktuelle kantonale Praxis im Fokus 

Der Kanton Aargau präsentierte seine neue Weisung zur nachhaltigen Beschaffung, die am 1. Januar 2027 in Kraft tritt. Der Ansatz verbindet verbindliche Grundsätze mit einer dezentralen Verantwortung der Departemente. Produktspezifische Richtlinien, Schulungen, Sensibilisierung und ein gemeinsames Controlling sollen sicherstellen, dass Nachhaltigkeit nicht nur strategisch verankert, sondern auch im Beschaffungsalltag umgesetzt wird. 

Forum 4: Resiliente öffentliche Räume – nachhaltig planen, beschaffen und gestalten 

Das Forum zu resilienten öffentlichen Räumen ergänzte die bisherigen Perspektiven um die räumliche Dimension. Beispiele aus Zürich zeigten, wie Biodiversität, Hitzeminderung, Wassermanagement, Aufenthaltsqualität, Mobilität und Baukultur zusammenspielen können. Der Ueberlandpark veranschaulicht dabei, dass langfristige Projekte eine breite Beteiligung, tragfähige Finanzierung, kontinuierliche Kommunikation und eine belastbare Projektorganisation benötigen. 

Forum 5: Öffentliche Beschaffungen in Gemeinden 

Rainer Jost zeigte anhand der Gemeinde Ittigen, dass digitale Werkzeuge und künstliche Intelligenz Potenzial bieten, um Prozesse transparenter und nachvollziehbarer zu machen. Sie ersetzen jedoch weder die Bedarfsklärung noch die fachliche Beurteilung und die politische Verantwortung. 

Bestellerkompetenz als Schlüssel 

Die Tagung machte deutlich: Nachhaltige Beschaffung gelingt weder durch zusätzliche Anforderungen allein noch durch einzelne Instrumente. Sie braucht kompetente Bestellerinnen und Besteller, die den Bedarf verstehen, relevante Nachhaltigkeitsaspekte priorisieren, den Markt kennen und Anforderungen angemessen gestalten 

Die Beiträge des Nachmittags sowie das Forum 1 wurden aufgenommen und stehen als Videobeiträge zur Verfügung.  
Unter folgenden Link finden Sie zudem die Foliensätze zu allen Präsentationen und Foren des Tages.  

Letzte Änderung: 21. Oktober 2026